Im Januar 2026 sieht Romy aus wie jedes andere neugeborene Baby – niedlich, schläfrig, manchmal etwas grantig. Der Unterschied: Sie ist nicht erst seit wenigen Tagen auf der Welt. Ihr errechneter Geburtstermin wäre der 18. Januar 2026 gewesen, tatsächlich kam Romy aber schon am 24. September 2025 zur Welt. Damit ist sie in der beginnenden 24. Schwangerschaftswoche (genauer: 23+3) geboren und gilt als Extremfrühchen. Dass Romy inzwischen fit genug ist, zusammen mit ihren Eltern das Mathias-Spital zu verlassen und in das Leben außerhalb der Klinik-Wände zu starten, ist ihrer eigenen Kämpfernatur, der Liebe und Ausdauer ihrer Eltern – und der engen Zusammenarbeit des ärztlichen und pflegerischen Teams auf der Neugeborenenintensivstation sowie im gesamten Perinatalzentrum des Klinikums zu verdanken.
Romys schwieriger Start ins Leben
„Die Schwangerschaft war unauffällig“, sagt Romys Mutter Michelle H. aus Gronau-Epe. „Eines Tages bekam ich morgens starke Schmerzen und fuhr zu meiner Frauenärztin.“ Dort zeigt sich: Der Muttermund ist bereits geöffnet – der Rettungsdienst wird gerufen. Im Perinatalzentrum des Mathias-Spitals muss dann alles schnell gehen: Die Geburtsbestrebungen sind nicht mehr aufzuhalten. Die diensthabenden Oberärztinnen der Gynäkologie, Johanna Jackisch und Malene Witte, entscheiden kurzfristig für eine Geburt per Kaiserschnitt. Romy kommt zur Welt mit nur 590 Gramm Gewicht und einer Größe von 31 Zentimetern. Ein interdisziplinäres Team bestehend aus Geburtshelferin, Neonatologen, Pflegefachkräften und einem großen OP-Team kümmert sich gleichzeitig um die Mutter und den kleinen Menschen. Zur Erleichterung ihrer Eltern, lässt Romy ihren ersten kleinen Schrei hören – zum selbstständigen Atmen sind ihre Lungen jedoch noch zu schwach. „Sie wurde direkt nach der Geburt intubiert und an viele Kabel angeschlossen,“ erinnert sich der Vater, Alexander H.. Eine Untersuchung ergibt eine positive Nachricht: das Gehirn im empfindlichen Köpfchen hat bei der frühen Geburt keinen Schaden genommen. Katja Hüwe, Oberärztin der Neonatologie (Neugeborenenmedizin) am Mathias-Spital, sagt: „Eine Geburt in Schwangerschaftswoche 23+3 bedeutet eine Geburt am Rande der Lebensfähigkeit.“ Schon bei der Geburt können schwere Komplikationen auftreten. Romy habe das Glück gehabt, dass dies bei ihr nicht der Fall war.
Leben auf der Intensivstation
Für die jungen Eltern folgt eine mehr als herausfordernde Zeit. Michelle H. wohnt von September bis Weihnachten im Schwesternwohnheim des Klinikums, damit sie so oft wie möglich bei Romy sein kann. Papa Alexander kommt nach der Schicht und am Wochenende. „Ich bin aber immer mit einem guten Gefühl gegangen, weil ich wusste, Romy ist in guten Händen“, sagt er.
Nach einer Woche dürfen Romy und ihre Eltern zum ersten Mal „Känguruen“. Bei dieser Methode wird das Neugeborene auf die Brust von Mutter oder Vater gelegt. Es profitiert in seiner Entwicklung von dem nahen Körperkontakt. „Für das Känguruen waren zu Anfang drei Schwestern nötig“, erinnert sich die Mutter. „Eine hat Romy aus dem Inkubator gehoben und mir auf die Brust gelegt, die anderen zwei hielten die Kabel und Schläuche.“ Oberärztin Hüwe lobt das Engagement der Eltern: „Romys Eltern haben mit unserem Team zusammen für das Kind gekämpft.“ Sie betont, wie gut die Nähe für die Entwicklung des Frühgeborenen ist, z. B. bei der Känguru-Methode, aber auch bei Aufgaben wie Wickeln und Baden, die Romys Eltern sobald möglich gemeinsam mit dem Pflegepersonal durchführen. Da für Romy nicht ausreichend Muttermilch vorhanden ist, erhält sie Spendermuttermilch. Somit kommt ihr eine Möglichkeit zugute, die noch relativ neu im Klinikum Rheine besteht. Prof. Dr. Stephan Seeliger, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, hat die Nutzung von Spendermuttermilch im Klinikum Rheine eingeführt. Zunächst dürfen die Eltern die Nahrung per Magensonde sondieren. Als Michelle H. ihrer Tochter zum ersten Mal selbst die Flasche geben darf, ist auch das ein ganz besonderer Moment.
Kompetente und liebevolle Versorgung
Jeder kleine Fortschritt des Babys fühlt sich an wie ein Meilenstein und wird auch entsprechend gewürdigt: „Heute habe ich zum ersten Mal die Augen geöffnet.“, „Heute wurde ich zum ersten Mal gebadet.“ Entwicklungsschritte wie diese dokumentieren die Stationsschwestern mit einem kleinen Foto-Tagebuch am Bettchen. Zwar sind Romys Eltern bei allen wichtigen Momenten ohnehin immer dabei; wenn Eltern einmal nicht da sein können, bekommen sie so trotzdem alles mit. Romys Eltern sind sich einig, wenn sie über das Stationsteam sprechen: „Die leben für ihre Arbeit.“ Und Alexander H. fügt hinzu: „Ich würde die Station allen Eltern in unserer Situation weiterempfehlen.“
Das Perinatalzentrum Level 1 ist spezialisiert auf kleinste Frühchen
Das zertifizierte Level-1-Perinatalzentrum im Klinikum Rheine nimmt Frühgeborene ab der 23. Schwangerschaftswoche (Beginn der Lebensfähigkeit) auf. Hier arbeiten alle betroffenen Fachbereiche zusammen: Das Zentrum für pränatale Diagnostik, die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie die Neonatologie (Neugeborenenmedizin) als Teil der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Die Neonatologie verfügt über 19 Monitorplätze und 12 intensivmedizinische Plätze, sowie weitere neonatologische Betten auf der Säuglingsstation. Jedes Jahr absolvieren ein bis zwei Pflegefachkräfte die Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie. So besteht das Team der knapp 50 Pflegefachkräften teils aus langjährig erfahrenen Pflegefachkräften sowie einer hohen Quote an Intensivpflegekräften. Für die Versorgung und Betreuung steht den Frühgeborenen und Familien ein multiprofessionelles Team aus Fachpflegenden für pädiatrische Intensivmedizin, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, dem Bunten Kreis (Familiennachsorge), der Seelsorge sowie Fachärztinnen und Fachärzten rund um die Uhr zur Verfügung.
Endlich geht’s nach Hause – weiterhin gut betreut
Ein Extremfrühchen wie Romy wird im Perinatalzentrum Level 1 auf höchstem ärztlichen und pflegerischen Niveau betreut. Unter dieser Pflege und mit einem großen Lebenswillen, den ihr die Stationsschwestern attestieren, hat Romy sich bis hierhin großartig entwickelt. Mutter Michelle sagt: „Es ist ein Wunder.“ Nach einem kurzzeitigen Umzug auf die Normalstation darf Romy nun endlich nach Hause – ungefähr zu ihrem ursprünglich errechneten Geburtstermin. Zuhause werden die Eltern in ihrer besonderen Situation vom Nachsorgeteam des Bunten Kreises Westmünsterland unterstützt. Zudem wird Romys Entwicklung, zusätzlich zu den üblichen Untersuchungen beim Kinderarzt, bei regelmäßigen Terminen im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) im Klinikum Rheine weiter beobachtet.